Tractatus absolutus

Auszüge aus dem Tractatus absolutus

 

Vorwort

 

Man hat die Idee eines weltumfassenden apriorischen Systems zu früh fallengelassen.

Gewiß, die überlieferten Systeme - sowohl die mehr wissenschaftlichen als auch die eher weltanschaulichen - sind gescheitert, d.h. sie litten, bei aller historischen Notwendigkeit, an wesentlichen Fehlern (konnten also ihrem eigenen - unvermeidlichen - Wahrheitsanspruch nicht genügen) und haben sich nicht durchgesetzt; und es ist auch nicht anzunehmen, daß ein neuer Versuch mehr Erfolg haben würde.

Aber die gegenwärtige Lage ist doch nicht die selbe, wie wenn es diese Versuche nie gegeben hätte, oder wie sie vor diesen Versuchen war: Es ist nunmehr an Stelle eines weltumfassenden apriorischen Systems etwas anderes fällig, und dieses andere, das hier vorgelegt wird, - es gibt keinen Namen (: kein Begriffswort) dafür - wäre bei einem verfrühten, einem nicht ausreichend begründeten Verzicht - von einer Verwässerung der Idee ganz zu schweigen - nicht möglich gewesen.

 

Kernstück

 

Ist etwas zu sagen?  -  An sich ist nichts zu sagen.

 

Zusätze ("Innerer Ring")

 

§ 1

0:                                                                  

Warum heißt es nicht einfach "Es ist nichts zu sagen" (: "Nein")?

1:

Wenn nichts zu sagen wäre, dann wäre auch dies, daß nichts zu sagen ist, nicht zu sagen.

 

§ 3

0:

Muß es nicht vielmehr heißen "Es ist etwas zu sagen" (: "Ja")?

1:

Wenn etwas zu sagen ist  -  was ist zu sagen? (: - was denn?)

 

§ 5

0:

Wie bin ich auf die Frage, ob etwas zu sagen ist, verfallen?

1:

Ehe ich gefragt habe, ob etwas zu sagen ist, habe ich gefragt, was zu sagen ist  -  und es hat sich nichts als zu sagen eingestellt.

 

§ 6

0:

Wie bin ich auf jene Frage (was bzw. ob etwas zu sagen ist) verfallen?

1:

Bevor ich jene Frage stellte, hatte ich immer wieder, was ich erst einmal (als einleuchtend) gesagt hatte, später wieder (als nicht mehr einleuchtend oder als nunmehr fehlerhaft scheinend) zurücknehmen müssen.

 

§ 9

0:

Warum sagt man überhaupt etwas? Das, was ist, läßt sich doch nicht sagen!

1:

Es ist schon unzählig vieles gesagt worden, bzw. es wird  unzählig vieles gesagt; und daß es möglich ist, zu sagen, daß etwas ist, bewirkt, daß man zunächst nicht darauf verfällt (und hat bisher bewirkt, daß noch niemand darauf verfiel), zu fragen, ob (überhaupt) etwas zu sagen ist.

 

    Weitere Zusätze (Rest des Buches, "Äußerer Ring")

    Kapitel II

    (Nur eine Stelle, in freier Wiedergabe)

     

    Vorstufen zu dem Kernstück "Ist etwas zu sagen? - An sich ist nichts zu sagen.":

     

    Parmenides: "Ist es oder ist es nicht? - Es ist."

    Descartes: "Ist überhaupt etwas? - Ich jedenfalls bin."

    Kant: "Läßt sich a priori (= aus bloßem Denken) etwas erkennen (und sagen)?"

    (Der frühe) Wittgenstein: "Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen."

    (Der späte) Heidegger: "Was ist zu sagen? - (Nur dies eine:) Daß etwas ist." (Sehr radikalisiert und gegen den Strich gelesen.)

     

Kapitel III

Erläuterungen zu § 9

 

1

 

"Ist (überhaupt) etwas zu sagen?" - "Was soll die Frage? (: Wieso?) Es ist doch etwas!"

 

3

3.y  Kritik des Satzes "Es ist etwas"

 

Wenn man sagt, daß etwas ist, so meint man offenbar, daß auch nichts sein könnte. Denn um wahrnehmen zu können, daß etwas ist, muß man sich auch vorstellen können, daß nichts wäre.

Wenn man sich aber vorzustellen versucht - oder richtiger: vorgestellt zu haben bzw. vorzustellen glaubt - daß nichts wäre, so muß man nachträglich feststellen, daß man sich doch nicht alles weggedacht hat; daß etwas übriggeblieben ist: der bloße Raum, in dem die Dinge ihren Ort (und ihre Lage am Ort) hatten und sich bewegen konnten und auch wirklich bewegten. [Der Raum wäre auch dann (noch), wenn nichts (mehr) wäre, und war ggf. (d.h. wenn nicht schon immer etwas war) schon damals, als noch nichts war.] [Und anders als so kommt man nicht auf die Raumvorstellung: Der Raum ist das, was auch dann (noch) wäre, wenn nichts (mehr) wäre; und ggf. das, was schon war, als noch nichts war.] Was man sich vorgestellt hat, war also nicht, daß nichts wäre, sondern nur, daß im Raum nichts wäre. Man kann also auch nur wahrnehmen - und darf folglich auch nur sagen -, daß etwas im Raum ist. Das aber war es nicht, was man meinte, als man die Frage "Ist etwas zu sagen?" mit dem Wort "Es ist doch etwas!" zurückwies / abwehrte.

 

3.z   Kritik des Begriffes "das, was ist"

 

3.z a: "das, was ist" // die Welt

 

Zusammenfassung: Wenn ich mir die Welt vorstelle (: Wenn ich die Welt betrachte / betrachten will), so finde (und befinde) ich mich nicht in der vorgestellten (: betrachteten) "Welt". (Während doch der Begriff der Welt alles, also auch mich umfaßt.)

 

Wenn ich sage, daß etwas ist, so meine ich offenbar, daß über "das, was ist" (die Welt) etwas gesagt werden kann; so stelle ich damit einen  Gegenstand möglicher Aussagen auf.

Dann aber meine ich offenbar auch, daß "das, was ist" (: die Welt) untersucht werden kann, Gegenstand möglicher Untersuchung ist. Denn sagen kann man nur dann etwas über einen Gegenstand, wenn man ihn untersucht hat: Die Ergebnisse der Untersuchung schlagen sich in Aussagen über den Gegenstand nieder.

Wenn ich mir aber den Gegenstand "das, was ist" (: die Welt) zur Untersuchung vornehme; wenn ich mir (!) "das, was ist" (: die Welt) zum Gegenstand machen will - oder richtiger: gemacht zu haben glaube -, so muß ich nachträglich, nachdem ich schon manches erforscht habe - u.U. auch schon vor jeder Untersuchung - feststellen, daß dieser angebliche Gegenstand "das, was ist" (: "Welt"), eben weil er für mich Gegenstand ist (also mir vorliegt, d.h. vor mir liegt, mir gegenüber liegt), ausgerechnet mich selbst, der ich doch jedenfalls dazu gehöre, nicht mitumfaßt, daß ich selber außerhalb dieses Gegenstandes bin. Was ich mir da zum Gegenstand gemacht habe, war also nicht "das, was ist", sondern allenfalls "das, was außerhalb meiner ist". Das aber war es nicht, worauf (genauer: auf dessen Sein) ich mich berief, als ich die Frage "Ist etwas zu sagen?" mit dem Wort "Es ist doch etwas!" zurückwies / abwehrte.

 

3.z a 0

I)

Daß ich, wenn ich mir scheinbar "die Welt" zum Gegenstand gemacht habe, nachträglich feststellen muß, daß ich selber nicht in dieser "Welt" bin, bedeutet nicht, daß der Begriff "Welt" falsch oder jedenfalls unanwendbar wäre, sondern nur, daß er - zumindest / jedenfalls vorläufig - (auf die Welt, soweit sie sich im Raum ausbreitet, kurz) auf die räumliche Welt einzuschränken (und dadurch zu konkretisieren) ist. - Zunächst einmal ist die Welt ja wirklich nur eine bloß räumliche Welt.

II)

Wenn ich so "Welt" zu "räumliche Welt" eingeschränkt (und konkretisiert) habe, muß mir nämlich - im Gegenzug dazu - das Ich (das die Welt, statt sich in ihr zu bewegen und dabei vielleicht auch Ausschnitte von ihr zu betrachten, auf einmal und im ganzen in den Blick bekommen will) zunächst als "ich, insofern ich denke", als nur denkendes Ich (Bewußtsein, Geist) erscheinen, und dann ist es ganz in Ordnung, daß / wenn ich feststelle, daß ich außerhalb der Welt bin: als denkendes Ich bin ich - zunächst jedenfalls - ortlos, also nicht mehr irgendwo in der Welt, also tatsächlich sozusagen außerhalb der (räumlichen) Welt. (So auch Descartes.)

 

*    *    *

 

Natürlich ist die räumliche Welt, die mich teilweise, ja sogar im Kern ausschließt, noch nicht endgültig die Welt. Doch da sie der erste und grundlegende Teil derselben ist, darf man hoffen, daß das Übrige, daß das, was zur vollständigen Welt, die natürlich auch mich selbst ganz und gar umfassen muß, noch fehlt, sich im weiteren Verlauf der Forschung finden wird. (Und dann wird der "Leib - Geist"-Dualismus aufgehoben sein.)

 

3.z a 1

Aus der (räumlichen) Welt gelangen wir (räumlich) nicht hinaus (so daß wir sie im ganzen vor uns sehen und umwandern und so ihre Gestalt erkennen könnten).

 

(a)

Wenn ich, um den Anstoß, daß ich selbst nicht in der vergegenständlichten Welt bin, zu beseitigen, "Welt" zunächst auf "räumliche Welt" (also auf "Weltall") einschränke, so genügt es mir gleichwohl nicht, die Dinge, d.h. die Sterne, Milchstraßen usw., in ihrer Lage zu meinem s.h. unserem Wohnort (der Erde, dem Sonnensystem) und dann auch zueinander zu erkennen: ich will auch eine richtige Vorstellung von der Gestalt der Welt im ganzen gewinnen. (Und damit auch von dem eigenen Ort im Ganzen.)

(b)

Eine bestimmte Größe und eine Gestalt haben kann die Welt (d.h. die räumliche Welt, das Weltall) aber nur, wenn sie in allen Richtungen, und zwar durchgehend, begrenzt ist, (gedachte) Grenzen hat (: wenn sie in allen Richtungen irgendwo / irgendwann einmal zu Ende ist); und erkennen kann ich ihre Gestalt nur, indem ich mich räumlich nach draußen begebe (wo ich die Welt als ganzes in den Blick bekommen und wo ich die Welt umwandern und damit von verschiedenen Seiten in den Blick bekommen kann). - Ein "geistiges", ein "gleichsames" Draußensein genügt nicht.

(g)

Nun ist es aber eine widersinnige und unglaubhafte Vorstellung, daß ich die Grenze der Welt sollte überschreiten können; ja schon die Vorstellung, daß die Welt an sich eine Grenze habe (der ich mich immerhin von innen nähern kann), ist widersinnig und unglaubhaft.

(d)

Wir stehen also vor einer Antinomie, d.h. einem Doppel-Satz, dessen zwei Glieder a) einander zu widersprechen, aber gleichwohl b) beide wahr zu sein scheinen.

Die These lautet: Die Welt ist von bestimmter Größe (und folglich auch Gestalt), und das heißt: sie hat Grenzen.

Die Antithese lautet: Die Welt hat kein Außerhalb und keine Grenzen, und das heißt: sie ist über jede bestimmte Größe hinaus groß ("unendlich groß" o.ä.).

Die Auflösung der Antinomie kann nach der Form, die ihr hier gegeben worden ist, - soweit überhaupt möglich - nur dadurch vollbracht werden, daß zwischen bestimmter Größe und Begrenztheit sowie zwischen Unbegrenztheit und "Unendlichkeit" (: Übergröße) unterschieden und jeweils der zweite Teil der These ("Begrenztheit") und der Antithese ("Übergröße") gestrichen wird.

 

 

3.z b: "ich"

 

Zusammenfassung: (A) Wenn ich die Aufmerksamkeit auf mich selbst umlenke und theoretisch frage, was bzw. wie ich bin, so habe ich das Gefühl, mich mit "ich" nicht zu treffen. (B) Wenn ich stattdessen praktisch frage, was ich will, so habe ich das Gefühl, nichts zu wollen.

 

(A)

Nun kann ich freilich nach der Welt d.h. der Welt außerhalb meiner - wenngleich auf andere Weise - auch mich selbst vergegenständlichen. [Ich weiß ja von mir und kann "ich" sagen. Andernfalls könnte ich ja auch nicht nachträglich feststellen, daß ich selbst außerhalb der vorgestellten "Welt" geblieben bin.]

Indessen, wenn ich so meine Betrachtung auf mich zurücklenke, so ergibt sich der folgende Anstoß: 

Ich habe dann sogleich und die ganze Zeit über den Eindruck, mich mit "ich" nicht zu treffen / getroffen zu haben (mich also zwar abstrakt, aber nicht konkret, also letztlich doch nicht vergegenständlicht zu haben).

    Und das kann auch gar nicht anders sein. Denn ein "Ich bin so und so beschaffen" müßte ich fortsetzen können mit "und so und so verhalte ich mich folglich unter den und unter den Umständen", wobei ich einerseits - wie bei jeder Feststellung - anerkennen muß, daß es so ist, ob es mir gefällt oder nicht / ob ich damit einverstanden bin oder nicht, andererseits darauf - wie auf jede meine Situation betreffende Feststellung - reagieren kann, wie es mir gefällt / wie ich will - und irgendwie reagieren muß. Dann aber kann das angeblich meinige Verhalten gar nicht mein Verhalten sein. (Denn "ich" bin gerade derjenige, welcher mit diesem Verhalten einverstanden oder nicht einverstanden ist und welcher auf die Feststellung dieses Verhaltens reagiert - also sich verhält - wie er will). Und das wiederum bedeutet, daß auch die angeblich meinige Beschaffenheit nicht meine Beschaffenheit ist.

(B) Statt "Wie bin ich (beschaffen)?": "Was will ich?".

...........................................................

 

3.z b 0

 

(A)

I)

Daß ich, wenn ich mich selbst betrachte / betrachten will, den Eindruck habe, daß ich mich mit "ich" nicht treffe / getroffen habe, bedeutet nicht, daß ein Ding meinesgleichen, daß ein Ich-Ding nicht eigentlich vergegenständlicht d.h. betrachtet und untersucht werden könnte, sondern nur, daß ich mich deshalb nicht betrachten kann, weil ich selber das zu betrachtende Ich-Wesen bin; daß ich also das "ich" der Frage "Wie bin ich beschaffen?" - zumindest / jedenfalls vorläufig - zu "ein Ding meinesgleichen, z.B. dieses da (oder dieses da oder dieses da)" berichtigen - und damit zugleich den Begriff / die Begriffskombination "meine Beschaffenheit" zu "Beschaffenheit eines Dinges meinesgleichen" konkretisieren - muß. D.h. es bedeutet, daß ich, statt ausgerechnet mich selbst zu betrachten und zu untersuchen, irgendeines der anderen Dinge meiner Art zur Betrachtung und Untersuchung auswählen, ja daß ich sogar mehrere solche Dinge betrachten und untersuchen kann und muß. - Zunächst ist meine Beschaffenheit ja wirklich nur die von irgendeinem Ding meiner Art (und erst auf dieser Grundlage erheben sich die mir eigentümlichen Züge), und an sich bin ich zunächst ja wirklich nur ein in der Welt vorkommendes "dies da"-Ding (das allerdings noch eine der genauen Betrachtung unzugängliche, nur der ratenden Einfühlung zugängliche "Innenseite" hat).

 

*    *    *

 

Natürlich ist die Außenseite des Ich noch nicht das ganze Ich. Doch da sie das ist, wovon man bei der Erforschung des Ich als sicher wahrnehmbar (und nicht bloß erratbar) ausgehen muß, so darf man hoffen, daß das "Innere", das zunächst der vorwissenschaftlichen ratenden Einfühlung überlassen werden muß, sich im weiteren Verlauf der Forschung ebenso wissenschaftlich erforschen und mit dem von Anfang an gegebenen "Äußeren" zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen wird. (Und dann wird der "Leib - Geist"- d.h. der "Außen - Innen"- Dualismus aufgehoben sein.)

 

(B)

I)

... sondern nur, daß ich - zumindest / jedenfalls vorläufig - die Frage "Was will ich?" zu der Frage "Was soll ich (jetzt) tun?" berichtigen - und damit zugleich das "ich will" der gesuchten Antwort zu einem (mich selbst auffordernden) "ich will tun" / das Wollen zu einem Tunwollen (d.h. zu einem Entschluß) konkretisieren - muß.

 

3.z b 1

In uns selbst kommen wir (nachdem wir uns - auf dem Umweg über unseresgleichen d.h. von außen - vergegenständlicht haben) nicht wieder hinein (so daß wir aufgrund einer Kenntnis unserer "wahren Natur" - uns gleichsam über uns selbst erhebend - uns selbst (d.h. jeder sich selbst und Andere) beurteilen und uns selbst Anweisungen geben könnten).

 

(a)

(A)

Wenn ich, um den Anstoß, daß ich mir bei unmittelbarer Selbstbetrachtung entgleite, zu beseitigen, die Frage "Wie bin ich beschaffen?" auf die Frage "Wie ist ein Ding meinesgleichen, z.B. dieses da, beschaffen?" einschränke, so genügt es mir gleichwohl nicht, zu wissen (: zu erkennen), wie ein Ding meinesgleichen faktisch ist, d.h. vor allem wie es sich faktisch gleichmäßig verhält, d.h. welche Regeln - Quasi-Regeln - es gleichsam (für den Betrachter / Beobachter) befolgt [was mir dann ermöglicht, vorauszusagen / vorauszusehen, was jemand tun wird; was er tun wird, wenn . . .; was er tun wird, wenn ich . . . (was mir also auch ermöglicht, ihn dazu zu bringen, daß er ...)]:  

ich will auch wissen - oder behaupte und beanspruche sogar zu wissen, wie ein Ding meinesgleichen (z.B. "dieses da"), also - da ja die Erforschung von Dingen meinesgleichen nur ein Umweg zur Selbsterkenntnis war - wie man (beschaffen) sein soll / sollte, d.h. zunächst (konkreter): wie - d.h. welchen Regeln gemäß - man (z.B. dieser da) sich verhalten soll / sollte, welches Verhalten also richtig und welches falsch ist, auch welches Verhalten besser und welches schlechter ist, und schließlich sogar welche Beschaffenheit, welcher Charakter besser und welcher schlechter ist, so daß ich, nachdem ich über die gültigen Normen und Maßstäbe verfüge, beurteilen kann, ob (z.B.) dieser da sich (jetzt) richtig verhält oder mehr oder weniger falsch, ob er sich immerhin besser verhält a) als wenn er sich so und so anders verhielte oder b) als jener sich anders verhaltende Andere, oder schlechter, und schließlich sogar, ob dieser sich so und so Verhaltende selbst besser oder schlechter ist als jener sich anders - oder auch ebenso - Verhaltende.

(B)

....................

ich will auch wissen, wie ich mich, im besonderen wie ich mich jetzt an sich, d.h. ohne Hinblick auf ein gegebenes Ziel verhalten soll / sollte, also auch, welche Ziele ich mir (und jeder sich) stecken soll, und sogar ob ich überhaupt nach Zielen streben soll, so daß ich mir selbst jetzt (richtige) Anweisungen geben (und mich richtig - oder jedenfalls besser als ohne solche Anweisungen - verhalten)  kann.

(b)

Verbindlich sein d.h. existieren können solche Normen, nach denen ich das Verhalten von Wesen meinesgleichen - vor allem das Anderer -, und dann sogar diese selbst, beurteilen kann - und mithin auch eigentliche Regeln, nach denen ich - vor allem mir selbst - Anweisungen geben kann - aber nur, wenn sie nicht weniger zu der Beschaffenheit der zu beurteilenden Wesen / Dinge meinesgleichen gehören (ihr entspringen, ja sie ausmachen) als wenn sie noch Quasi-Regeln wären, die - wie die Beobachtung zeigt - tatsächlich immer (sozusagen, gleichsam) befolgt werden (wenn also mit zunehmender Ichhaftigkeit die Quasi-Regeln nicht einfach verschwinden, sondern sich nur in Normen bzw. eigentliche Regeln verwandeln). Das richtige, das den Regeln gemäße Verhalten muß also das dem sich Verhaltenden d.h. seiner - idealen, grundsätzlichen, allem tatsächlichen Verhalten vorausgehenden - Beschaffenheit (: Natur, Art) anstehende Verhalten sein; also das schöne Verhalten. 

Und erkennen kann ich die Normen, nach denen die Wesen meinesgleichen zu beurteilen sind  - und damit zugleich die Regeln, die ich zu befolgen habe  - nur, indem ich die Wesen d.h. andere Wesen meinesgleichen betrachte: ....

(g)

Nun ist es aber eine widersinnige und unglaubhafte Vorstellung, daß ich, wenn ich, statt mich selbst, begegnende Wesen meinesgleichen betrachte, aus ihrem regellosen (d.h. quasiregel-losen) Verhalten Normen und eigentliche Regeln sollte erkennen / ablesen können, Normen, denen sie (zwar nicht immer, vielleicht nur selten entsprechen, aber) entsprechen sollten; Regeln, die sie (zwar nicht immer, vielleicht nur selten befolgen, aber) zu befolgen haben, die somit auch ich zu befolgen habe, also Regeln, die man zu befolgen hat (statt daß da alles Regelerkennen einfach aufhört), indem ihr Verhalten seine Übereinstimmung mit den gesuchten eigentlichen Regeln oder seine Abweichung von ihnen jeweils miterscheinen ließe, sozusagen transparent wäre auf die Norm, auf das ideale Verhalten, .....

(d)

Antinomie I

Wir stehen also wieder vor einer Antinomie:

Die These lautet: Zu unserer Beschaffenheit gehören (außer den Quasi-Regeln, die wir immer gleichsam befolgen und aufgrund deren unser Verhalten vorausgesagt und auch in Gang gesetzt bzw. gelenkt werden kann) im weiteren Sinne auch (eigentliche) Regeln, die wir zu befolgen haben und nach deren Befolgung oder Nichtbefolgung unsere Verhaltungen und auch wir selbst (als richtig oder falsch, als besser oder schlechter) zu beurteilen sind,

und erkennen können wir sie (: auch diesen Teil unserer Beschaffenheit), indem wir einzelne Verhaltungen einzelner Wesen unseresgleichen betrachten, im Hinblick darauf, ob sie richtig oder falsch, besser oder schlechter sind.

Die Antithese lautet: Es gibt keine Regeln, die wir zu befolgen hätten und nach deren Befolgung oder Nichtbefolgung unsere Verhaltungen und auch wir selbst zu beurteilen wären,

und wenn wir, um unsere Beschaffenheit zu erforschen / zu ermitteln, Wesen unseresgleichen betrachten, so setzen wir voraus (und finden diese Voraussetzung auch niemals widerlegt, vielmehr immer bestätigt), daß es keine solchen Regeln gibt.

 

Antinomie III

These III: ("Pflichten = Rechte der Anderen"; "was ich soll = was ich Anderen schulde")

.....................................

    Daß ich Pflichten habe, kann ich freilich nicht erkennen: ich muß es anerkennen. Und wenn ich sage "Ich habe Pflichten (gegen Andere)", so mache ich nicht eine wahre Aussage, sondern ich bekunde ein richtiges Wollen. - Aber diese Anerkennung von Pflichten (d.h. Pflichten gegen Andere, aber wechselseitigen Pflichten) ist auch vom Standpunkt der Erkenntnis und Wahrheit nicht beliebig: Der Kern davon zumindest ist (zwar nicht Inhalt einer Erkenntnis und nicht "wahr", aber) Voraussetzung jeder (objektiven) Erkenntnis und jedes Sinnes für Wahrheit.

    Dieser Kern ist die Anerkennung anderer Menschen, allgemein anderer Wesen, als "Anderer", als Auch- und Mit-Ichwesen, und zwar im besonderen als möglicher Mitforscher und Diskussionspartner (die es sich zu überzeugen lohnt); die Einstellung, daß .... und daß das, was wahr ist, nicht nur dann wahr ist, wenn ich es sage, sondern immer, wenn jemand es sagt. 

    Freilich bedeutet die Anerkennung der Anderen als gleichrangiger Mitforscher und Diskussionspartner bzw. -gegner noch nicht, daß man auch ihre materiellen Interessen, die den eigenen zuwiderlaufen, als gleichberechtigt anerkennt; aber es liegt dann doch nahe. .....

    Einschub: Achtung der Person

    Von der Achtung / Anerkennung Anderer als möglicher Mitforscher und Diskussionsgegner (: - partner), als erkenntnisfähig und meinungsberechtigt, führt nun aber nicht nur ein Weg zu dem Gebot, sie auch in ihren (materiellen) Interessen als gleichberechtigt anzuerkennen, sondern auch ein Weg zu dem ganz anderen Gebot, sie nicht zu vergegenständlichen; zumindest vorher ihr Einverständnis einzuholen. .... 

 

Antithese III

Der absolute, objektive Wert eines Menschen, und auch der seines Verhaltens, ist völlig unabhängig von dem Nutzen, den er bzw. es für Andere hat: "Schädlinge" brauchen objektiv nicht minderwertig zu sein. - Pflichten gegen Andere dagegen gibt es überhaupt nicht; ....

 

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